Zwischen Angst und Hoffnung

Von Stefan Kech

Mitten in den Schrecken des Krieges fand die ukrainische Nationalmannschaft im Bogenschießen in Dauchingen einen Ort der Sicherheit. Dank Andreas Lorenz und weiterer Helfer, die sich mit großem Einsatz für die 20-köpfige Gruppe einsetzen.

Wie beruhigend muss das beschauliche Städtchen Dauchingen auf diese Menschen wirken. Wie beruhigend muss es für sie sein, im Trainingsareal der Firma Beiter üben zu können. Und wie beruhigend muss das Gefühl sein, sich hier in Sicherheit zu wissen. Es herrscht eine leise Atmosphäre in der lang gezogenen Halle, konzentriert spannen die jungen Athletinnen und Athleten ihre Bögen und feuern ihre Pfeile ins Ziel. Diese Ruhe gehört typischerweise zu einer Trainingseinheit in diesem Sport dazu, doch es ist der geradezu familiäre Eindruck, der einem besonders auffällt. Beispielsweise wenn Olena Sadovnycha, ehemalige Medaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen und heutige Generalsekretärin des ukrainischen Bogensportverbandes, mit dem vierjährigen Sohn einer Schützin Deutsch lernt.

Manchmal ist sogar ein herzliches Lachen zu hören. Dann allerdings blickt man wieder in traurig-nachdenkliche Gesichter. Vielleicht bildet man sich das auch nur ein, in dem Wissen, was diese Menschen durchgemacht haben und durchmachen müssen. „Wir erleben einen Albtraum. Es ist einfach nicht zu verstehen, wie so etwas geschehen konnte“, sagt Olena Sadovnycha. Ihre Dankbarkeit ist mit Händen zu greifen, wenn sie neben Andreas Lorenz sitzt; sie sind in Sicherheit vor den Gräueln des Krieges.

Aber da ist eben diese schier unerträgliche Sorge um die Verwandten, die immer noch in der Ukraine sind. „Die täglichen Bilder bereiten uns allen große Schmerzen“, sagt sie mit zitternder Stimme. Man lebe nur von Tag zu Tag, Gedanken an die Zukunft gebe es im Moment keine. Und wenn doch einmal ein solcher aufkommt, dann ist er mit Angst behaftet.

Und dennoch: Auch in Dauchingen, weit ab der Heimat, ist dieser unglaubliche Widerstandswille zu erkennen, der die Ukrainer im Krieg gegen Russland auszeichnet. Er verbindet sich mit dem einem ultimativen Wunsch: „Wir wollen wieder heimkehren und in unseren Häusern leben. Wir werden das schaffen, denn wir werden gewinnen!“ So sehr zu hoffen ist, dass sich dieser Wunsch erfüllt, so sehr dürfte feststehen, dass der Weg dorthin lange und beschwerlich wird. Damit haben sich die Sportler und Funktionäre mittlerweile abgefunden. Spätestens nach Butscha. „Bis dahin gingen sie davon aus, schon nach wenigen Wochen wieder in ihre Heimat gehen zu können, doch nach den dortigen Massakern an der Zivilbevölkerung war klar, dass sie längerfristig in Deutschland bleiben“, sagt Andreas Lorenz.

Auch der Vertriebschef der Firma Beiter kann nur ungläubig mit dem Kopf schütteln, wenn er auf die vergangenen Wochen zurückblickt. Vor allem ein Ereignis hat sich ihm tief eingebrannt. „Nach dem Sieg der ukrainischen Frauenmannschaft bei der Europameisterschaft in Slowenien feierten wir alle gemeinsam – Ukrainer, Russen, Weißrussen. Und vier Tage später herrschte Krieg.“ Gerade aus Erfahrungen wie dieser ist ihm eine Unterscheidung wichtig: „Wir dürfen die Menschen eines Landes nicht mit dem Regime gleichsetzen.“ Und wir dürfen nicht tatenlos zusehen, könnte man eine weitere Maxime anfügen, nach der sich Andreas Lorenz zu richten scheint. Nachdem er die ersten Bilder des russischen Einmarsches gesehen hatte, wurde ihm schnell klar, handeln zu müssen. In einem Bereich, den er kannte. Und so knüpfte Lorenz, ehedem selbst Weltklasseschütze für Italien und seit vielen Jahren bei fast allen großen Wettbewerben im Bogensport in verschiedenen Funktionen dabei, Kontakt zur Technischen Leiterin des ukrainischen Verbandes, Natalia Rodionova. Sie war gerade als Kampfrichterin in Dubai, konnte nach dem Ausbruch des Krieges nicht mehr in die Ukraine reisen und hielt sich in Polen auf. Und damit weit ab von ihrer Tochter, die ebenfalls zum Nationalkader gehört.

Zunächst wollte aus dem Schützenteam niemand fliehen, alle dachten, der russische Einmarsch werde irgendwie ein schnelles Ende finden. „Sie befürchteten zudem, als Sportsoldaten ihr Anrecht auf den Sold zu verlieren“, erinnert sich Andreas Lorenz an diese Diskussionen. Doch als die Bomben gezielt auch in die Wohngebiete fielen, drehte sich diese Einschätzung schnell. Mit Verpflegung, Kleidern, Papieren und ein wenig Geld machten sich zunächst sechs Personen in drei Autos auf die lange und gefährliche Reise. Russische Panzer blockierten die eigentlich für die Zivilbevölkerung vorgesehenen Korridore. Drei Tage dauerte die Flucht, ehe sie im im westlich gelegenen Chernowitz ankamen In der Zwischenzeit setzte sich Lorenz mit den deutschen Behörden und Einrichtungen in Verbindung. „Das Landratsamt, die Gemeinde Dauchingen mit Bürgermeister Torben Dorn haben sich unheimlich engagiert“, lobt Lorenz, der selbst im Gemeinderat sitzt, die Zusammenarbeit. Sein Telefon stand zu dieser Zeit kaum still, schließlich musste er auch beim Weltverband und in der Ukraine die entscheidenden Stellen kontaktieren. Eine wichtige Rolle sollte dabei der ehemalige Olympiasieger im Stabhochsprung und jetzige NOK-Chef, Sergey Bubka, spielen. „Bubka hat sich persönlich dafür eingesetzt, dass die ukrainische Mannschaft ausreisen durfte“, betont Andreas Lorenz.

Nun leben fünf Schützinnen, fünf Schützen, drei Trainer und sieben Familienangehörige, darunter zwei Kinder, in Dauchingen. Sie sind in vier Häusern untergebracht. „Hier können sie bleiben, so lange der Krieg dauert“, betont Lorenz, der gleichzeitig die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung lobt. Außerdem seien die eng geknüpften Netzwerke wichtig, beispielsweise über den Lions Club. Dazu hat Lorenz im Internet die Seite „Archers helping Ukrainian Archers“ eingerichtet, um Spenden zu sammeln. Die Flucht aus der Ukraine dürfe nicht als bloße Flucht vor dem Krieg gesehen werden, sagt Lorenz. „Als Spitzensportler repräsentieren sie ihr Land – auf dem Sportfeld, nicht auf dem Schlachtfeld.“ Dafür trainiert die Riege bis zu acht Stunden täglich und mit klaren sportlichen Zielen vor Augen. In zwei Wochen steigt der nächste Weltcup in Antalya, vom 5. bis 12. Juni findet die EM in München statt, und wiederum nur zwei Wochen später gibt es mit einem weiteren Weltcup in Paris das Saisonfinale. Ihre Zeit in Dauchingen allerdings endet noch (lange) nicht. Das wissen auch die Ukrainer und Ukrainerinnen, daher ist ihnen eine möglichst rasche und gute Integration wichtig. „Sie lernen bereits Deutsch und bewältigen ihren Alltag immer selbstständiger“, freut sich Andreas Lorenz. Bei allem Heimweh erleben die Menschen ihr Dauchinger Domizil als Hort der Ruhe. „Es ist mittlerweile wie eine zweite Heimat“, sagt Andreas Lorenz. Die Hilfsbereitschaft „innerhalb der großen Bogensportfamilie“ (Lorenz) wird dauerhaft halten müssen. „Wir werden weiter gerne helfen, aber wie schön wäre es, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte. Auf die Zeit vor dem 24. Februar, als wir alle gemeinsam zusammensaßen und feierten.