Wie man Veränderungen vornehmen sollte

Die Grundstruktur des Bogenschießens scheint drei Phasen zu umfassen. Zuerst muss ein Bogenschütze seinen Schuss erstellen, bauen, finden. Zweitens muss der Bogenschütze diesen Schuss (er)lernen. Ich benutze in diesem Zusammenhang den Satz: „Sie müssen ihren Schuss besitzen“. Und drittens muss der Bogenschütze seinen Schuss beibehalten. Die erste Phase ist geprägt von intensivem Lernen, die zweite Phase durch hohe Schussvolumina in der Praxis und der dritte ist durch Wettkämpfe und niedrigere Schussvolumina bei der Aufrechterhaltung eines Schussablaufs geprägt.

 

In der ersten Phase ermahne ich dazu, dass keine hohen Schussvolumina gemacht werden. Das Schießen großer Schussvolumina ist wie das Auswendiglernen. Sobald Sie etwas auswendig lernen, ist es fast unmöglich es wieder zu vergessen. Wenn ein Bogenschütze mit hohen Schussvolumina beginnt, speichert er einen Schuss, den er später evtl. nicht mehr verwenden wird. Dieser „alte Schuss“ kann aber wieder auftauchen, wenn ein Bogenschütze unter dem Druck der Konkurrenz in einem Wettkampf in Stress gerät. Dieser „alte Schuss“ wird eine Option für Ihr Unterbewusstsein, das dann nach Lösungen für Ihr Problem sucht.

 

Zum besseren Verständnis möchte ich dies mit ein paar Zahlen verdeutlichen. Nehmen wir einmal an, dass der Schussablauf Nr.1 10.000 mal ausgeführt wurde, dann aber diese Ausführung als fehlerhaft erkannt wurde. Nun wird Schussablauf Nr.2 kreiert und 10.000 Mal ausgeführt. Dieser Ablauf war ebenfalls fehlerhaft, sodass ein weiterer (Nr.3) erstellt wird und dieser schließlich (sofern nun als „richtig“ bezeichnet) der „Keeper“ ist. Es sind also 30.000 Ausführungen/Schussabläufe ausgeführt worden, um so weit zu kommen. Das dauert natürlich Jahre.

 

Jede dieser Schusseabläufe (Nr. 1 bis 3) steht unserem Beispielbogenschützen im Verhältnis (grob) zur Anzahl der Ausführungen zur Verfügung, wobei natürlich die Erinnerung eine wichtige Rolle spielt. Wenn nun 20 Prozent nach Schussablauf Nr. 1, 20 Prozent unter Verwendung von Nr.2 und 60 Prozent unter Verwendung des zuletzt erarbeiteten Schusses Nr. 3 ausgeführt wurden, ist Schuss Nr. 3 am einfachsten abzurufen und durchzuführen. In der Regel wenigstens.

 

Wenn aber nun unser Bogenschütze unter Stress kämpft und ständig sein Unterbewusstsein „anpickt“, indem er sich fragt was er falsch macht werden diese alten Schüsse als Optionen unbewusst auftauchen und unser Bogenschütze wird einen alten Schuss oder Teile eines alten Schusses finden; beide minderwertig und weniger geübt. Sie können das wahrscheinliche Ergebnis sehen. Ich habe das immer und immer wieder bei jungen Bogenschützen (und alten) festgestellt. Wenn Sie an Ihre Wettkampferfahrungen zurückdenken, werden Sie möglicherweise Situationen wiederfinden, in denen Ihnen oder Ihren Schülern dies passiert ist.

 

Die Konsequenz daraus? Mein Ansatz ist es, dieses Problem – soweit es möglich ist – zu vermeiden, indem wir eine Strategie des Lernens anwenden, die den Schuss Nummer eins zu „deinem“ Schuss von Anfang an macht, also keine Zeit, Energie und kein Geld in Ausführungen investiert werden, die nicht funktionieren und später nur Probleme verursachen. Das Ziel beim Kreieren eines Schusses oder dessen Wiederaufbau muss also ein Ablauf sein, der so nah wie möglich am Optimum für Ihren Bogenschützen ist.

Viele Bogenschützen scheinen zu glauben, dass der in Fachbüchern beschriebene Schussablauf das Ziel ist oder sein sollte. Entgegen dieser Vorstellung sage ich, dass ich keinen Top-Bogenschützen sehe – nicht einen(!) – der so schießt, wie es die Fachbücher vorgeben. Der „Lehrbuch-Schuss“, der in so vielen Büchern – selbst meinen eigenen -beschrieben wird, ist nur ein generisches Modell, das fast so aussieht, wie es bei den meisten Schützen am Ende aussehen wird.

 

Aber einzelne Bogenschützen sind nun einmal nicht „wie meisten Leute“, und ihr Schuss wird sich wahrscheinlich auf eine oder mehrere Arten von den Lehrbuchbeschreibungen unterscheiden. Ich kenne einige Olympiasieger, die ziemlich eigenwillige Schussabläufe/Stile hatten. Viktor Ruban, Oh Jin Hyek und Michele Frangilli zum Beispiel, um nur mal einige zu nennen.

 

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