Tuning wie die Profis!

Heute geht es um das Tuning eines Recurvebogens, besser gesagt um den Bogen von Lisa Unruh. Immer wieder schauen die Leute recht erstaunt wie Recurvetuning wirklich funktioniert. Viele Mythem und Mysterien ranken sich um den olympischen Bogen. Hier kommen nun alle speziellen Geheimnisse, die eigentlich keine sind und manche aber doch… Ich erkläre in welcher Reihenfolge man seinen Bogen einstellt und dadurch vielen Schwierigkeiten aus dem Weg geht. Ich versuche die ambitionierten Sportler beim Lesen mit langweiligen Basics aufzuhalten, deswegen entschuldigt bitte wenn nicht jedem alle Fachbegriffe sofort klar sind.

 

Punkt 1: DEN BOGEN GERADE MACHEN Das allererste vor dem ersten Pfeil was ich kontrolliere ist die Ausrichtung der Wurfarme. Standhöhe und der Tiller sind die ersten beiden Punkte. Fast alle Bogenschützen wissen nicht wie man die optimale Standhöhe herausfindet. Die beste Methode ist sich vor einen Geschwindigkeitsmesser zu stellen und zu schießen. Dabei verändert man die Standhöhe des Bogens und schaut bei welcher Einstellung der Bogen am schnellsten ist. Bei der höchsten Geschwindigkeit ist auch die Energieabgabe des Bogens an den Pfeil am höchsten. Das ist unser Startpunkt. Das heißt aber nicht, dass der Bogen da am leisesten ist unbedingt, das liegt ja an der Schwingungsfrequenz. Wie finde ich den optimalen Tiller heraus? Probieren und schießen. Leider gibt es hier so viele Unwahrheiten, dass ich nicht auf alle eingehen kann. Die Standardaussage vieler Trainer lautet 3 bis 4 Millimeter und das stellen viele Schützen auch ein, leider. Der richtige Tiller ergibt sich aus genau drei Faktoren: Griffschale, Fingerposition auf der Sehne und der Gewichtsverteilung der Stabilisation. Eine hohe Griffschale braucht mehr Tiller als eine flache, das hängt also davon ab wie groß meine Hände sind und wie hoch ich in den Bogen drücke. Der zweite Punkt ist die Zughand. Liegen alle drei Finger gleichmäßig auf der Sehne oder hat man einen starken Ober- oder Unterzug, alles ändert den Tiller. Hoyt gibt zum Beispiel einen Tiller von 0-9 Millimetern an, nun ist auch klar warum. Die entscheidenste Komponente ist das Stabisystem. Je nach dem wohin das Gewicht verteilt ist muss auch der Tiller gestellt werden. Die Regel lautet wie folgt: Umso kopflastiger der Bogen, desto kleiner der Tiller. Viele Schützen mögen es wenn der Bogen vorne viel Gewicht hat, da er dann sehr ruhig zielt. Was passiert aber dabei? Der obere Wurfarm wird übermäßig beansprucht und dadurch reagiert er weicher als sonst. Die Folge davon ist, dass der untere Wurfarm immer schneller beschleunigt als der obere. Die negative Konsequenz ist dadurch auch logisch. Der Nockpunkt wird beim Abschuss immer nach unten gezogen und kann dadurch sehr leicht Kontaktprobleme mit der Pfeilauflage produzieren. Wie viel Gewicht braucht der Bogen? Der Bogen soll möglichst wenig Zielbewegung hoch und runter haben. Nimmt man einen Bogen und zieht ihn ohne Stabis aus, wird man schnell merken, dass der Bogen immer nach oben zieht. Nun hängt man so lange Gewicht an den Bogen via Stabilisation und anderer Dämpfer bis der Bogen von alleine schwebt. Das ist auch schon das ganze Geheimnis. Schaut man sich die Bögen der meisten Koreaner an, sieht man sehr schnell das Prinzip. Es sind bei fast allen Schützen nur so viel Gewichte am Bogen wie nötig. Das schont auch die Schulter natürlich. Wenn ich nun vielleicht etwas mehr zittere beim Zielen, hänge ich vorne mehr Gewicht an den Stabilisator. Das heißt aber auch, dass ich sofort meinen Tiller dem veränderten Gewicht nachstelle. Die Ausrichtung der Wurfarme wird in vielen Artikeln beschrieben. Das einzige was ich da noch hinzufügen möchte, ist das der Monostabi Priorität hat. Viele versuchen alle Wurfarmlehren überein zu bringen und nehmen in Kauf, dass der Monostabi nicht perfekt geradeaus schaut, das ist ein fataler Fehler! Der Bogen beschleunigt nicht mehr geradeaus und kann so Seitenstreuung und Kontaktprobleme verursachen. Es haben nicht alle Mittelteile eine 3D Verstellung und somit sollte dann versucht werden das Mittelteil möglichst gerade zu haben.

 

Punkt 2: CENTERSTELLUNG, NOCKPUNKT UND BUTTONDRUCK Meine Empfehlung folgt den meisten Lehrbüchern. Bei Rechtshandschützen und Carbonpfeilen sollte die Spitze ein viertel bis halbe Stärke „Angriff“ haben, also etwas links der Sehne. Das ist wieder der Startpunkt. Ob man hinterher etwas mehr oder weniger Centerstellung hat, hängt auch von der Steifigkeit des Pfeils ab. Möchte der Schütze einen tendenziell weicheren Pfeil haben, wird beim Walkbacktuning etwas mehr Center herauskommen. Das nur mal kurz vorab angemerkt. Beim Nockpunkt ist es ebenfalls alles ganz klassisch. Dünne Carbonpfeile bekommen zum Start 11 Millimeter Überhöhung und Aluminiumpfeile 12,5mm. Der Buttondruck ist vielleicht das Mysterium des Bogensports, fünf Leute, fünf Meinungen. Über die vielen Jahre hinweg und ein großer Dank an Werner Beiter, fand die Bogensportwelt folgendes heraus: Es gibt genau zwei Kriterien beim Buttondruck, nicht zu weich und nicht zu hart. Zu weich ist ein Button wenn er vom Klicker eingedrückt wird. Zu hart ist ein Button wenn er nicht mehr auf die Verstellung reagiert. Ein zu weicher Button ist schnell festgestellt, ein zu harter Button ist oft leider nur mit Highspeedkamera zu erkennen. Wichtig ist, dass bei der Grundeinstellung des Buttons noch genug Spielraum vorhanden ist um an der Härte zu drehen ohne die Feder wechseln zu müssen. Es sollten auf jeden Fall 10-15 Klicks in beide Richtungen möglich sein, auch dann darf der Button noch nicht vom Klicker eingedrückt werden. ACHTUNG: der Button ändert NICHT die Steifigkeit des Pfeils, sondern nur den Reflex beim Abschuss. Steckt der Pfeil links oder rechts von der Gruppe der befiederten Pfeile, kann man das nicht über den Button ausgleichen. Die beiden harten Faktoren den Pfeil passend zu machen sind das Zuggewicht und der Spine/Pfeillänge. Mittlere Faktoren bei kleineren Abweichungen sind das Spitzengewicht und die Sehne.

 

Punkt 3: DIE SEHNE Mit der Sehne steht und fällt das gesamte Tuning. Eine dünne Sehne bringt nur Probleme und keinen einzigen Vorteil. Nehmen wir hier auch als Beispiel Lisa. Seitdem sie 37 Pfund auf den Fingern schießt, hat ihre Sehne aus BCY 8125 19 Strang! Der große Vorteil dieser dicken Sehne ist die unglaubliche Verzeihlichkeit auf langen Entfernungen. Früher sagten alle Trainer, dass man auf 70 Meter eine „schnelle“ Sehne benutzen kann. Eine dünne Sehne ist sehr löseempfindlich und kann dem Schützen deutlich Streuung bringen. Das macht also gar keinen Sinn. Hier meine Empfehlung für die meisten Zuggewichte: ab 34# 18 Strang 8125, ab 37-38# 19 Strang und ab 42# 20 Strang 8125. Es gibt im Fachhandel viele verschiedene Mittenwickelgarne, damit die Beiter 1er Nocke auch noch bei 20 Strang passt. Es gibt aber noch viele andere tolle Sehnengarne, die auch super funktionieren. Eine etwas dickere Sehne kostet knapp 1-2 Striche auf dem Visier, bringt dafür aber sehr viele Ringe auf dem Ergebniszettel.

 

Punkt 4: PFEILE AUSSCHIESSEN Nun kommen wir zum Herzstück des Berichtes. Wie schießt man wirklich Pfeile aus ohne gleich mehrere Schäfte kaputt zu sägen? Hierbei gibt es einen Trick. Ich benutze immer einen RAM Spinetester (Bild 1) und schaue wo die weiche Seite des Pfeils ist. Warum? Nehme ich einfach einen Pfeil aus der Röhre und baue ihn zusammen, kann es sein, dass ich aus Versehen die dynamisch harte Seite oder etwas dazwischen erwischt habe. Ich schneide nur einen Schaft und schieße ihn weg. Das mit Abstand verlässlichste Gerät um die weiche Seite des Pfeils zu finden, erhältlich im Fachhandel. Es gibt auch Geräte, bei denen man von oben drückt, diese funktionieren nur bedingt bei teuren Schäften wie Easton ACE oder X10. Jeder Verein sollte einen Spinetester haben, auch für Compound und Langbogen mehr als sinnvoll. Ich lege einen Pfeil auf den Tester und beschwere ihn mit dem inklusiven Gewicht. Dann drehe ich vorsichtig den Pfeil und schaue auf dem Tester wo sich die weiche Seite befindet. Habe ich das herausgefunden, markiere ich diese Stelle mit einem Stift und drehe die markierte Seite Richtung Button. Der Grund ist logisch. Der Pfeil wird beim Abschuss gebogen und ich helfe dem Pfeil von Anfang an sich sofort in die Richtung sich zu biegen in die er sowieso gebogen wird. Ich stelle damit auch sicher, dass sich alle Rohschäfte gleich verhalten beim Abschuss. Ich brauche durch diese Methode nicht gleich drei Pfeile sägen. A propos Sägen, bitte stellt immer sicher, dass der Pfeilschaft mindestens noch ein Zoll Spielraum zwischen Buttonkopf und Spitze hat. Optimal ist die Pfeillänge wie auf dem Bild 2. Das Problem bei zu kurzen Pfeilen ist das die Spitze nicht in Richtung Scheibe startet, sondern sich beim Abschuss ins Bogenfenster hinein bewegt. Der Pfeil wird sehr empfindlich auf den Button reagieren und das Gruppentuning zu einer Geduldsprobe machen. Wie sehe ich ob der Pfeil zu hart oder weich ist? Die Methode der Profis bedarf etwas Übung. Ich stelle mich hinter den Ellbogen des Schützen und beobachte den Pfeil beim Abschuss. (Bild 3) Interessant ist der erste Reflex des Pfeils. Für Rechtshandschützen: fliegt der Pfeil mit dem Heck nach links los, ist der Pfeil zu weich. Fliegt der Pfeil mit dem Heck nach rechts los, ist er zu steif. Optimal zum Beobachten des Pfeilfluges ist ein weißer Hintergrund, eine umgedrehte 122er Auflage reicht vollkommen dazu. Der beste Spielraum den Pfeil zu beobachten sind 20 bis 30 Meter. Ein sehr guter Tipp ist vor dem Tuning den Bogen eine halbe Umdrehung herunter zu drehen um etwas Luft zum Anpassen zu haben, falls man den Pfeil etwas zu kurz gesägt hat. Fliegt der Pfeil gut, gehe ich dann einen Schritt weiter, schneide zwei weitere Schäfte und wiederhole den Test. Hiermit kann ich dann mit größter Sicherheit sagen, dass der Pfeil optimal passt. Als nächsten Schritt befiedere ich einen der drei Pfeile und mache einen Walkbacktest, manche nennen ihn auch Frenchtuning oder Bergertest. (Bild 4) Auch hier gibt es genug Anleitungen. Wenn ich meine Centerstellung nachstellen muss bei dem Test, schaue ich aber auch sofort wieder danach, dass meine unbefiederten Pfeile gut fliegen, das ist ein sehr wichtiger Punkt! Falls ich nun die Pfeile leicht steif haben sollte, kann ich das ganz entspannt mit der halben Umdrehung am Zuggewicht wieder ausgleichen, die ich zuvor herausgenommen habe. Ich möchte auf keinen Fall den Schützen wegen unpassender Pfeile mit Zuggewicht überlasten. Passt alles, geht es zur nächsten Station. Ich schieße nun die Pfeile zueinander aus. Ich nehme alle Rohschäfte, suche die weiche Seite und schieße dann alle Pfeile unbefiedert auf eine weite Entfernung, in Lisas Fall auf 70 Meter. Je nach Leistungsstand reichen aber 40 Meter mehr als genug. Das Trefferbild wird eine große Gruppe mit vielen Pfeilen sein und dann vereinzelte Treffer. (Bild 5) Nun geht es darum die einzelnen Ausreißer wieder in die Gruppe zu bekommen. Bevor ich aber die Nocken der Pfeile drehe, schieße ich sie zur Sicherheit noch einmal weg. Bei den Pfeilen, die nicht in der Gruppe stecken, drehe ich so lange die Nocke bis sie auch in der Gruppe sind. Ist am Ende ein Pfeil immer noch nicht in der Gruppe, dann bekommt er eine Markierung und wird zum Trainingspfeil.

Ich hoffe, ich konnte etwas Licht ins Dunkle bringen und wünsche allen viel Spaß beim Schießen!

Henning Lüpkemann

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