Sprache muss sein

Von Stefan Kech

Die ukrainische Nationalmannschaft im Bogenschießen hat sich auf einen längeren Aufenthalt in Dauchingen eingestellt. Neben dem Sport steht nun auch das Deutsch-Lernen auf der Agenda. Unterstützt durch den Lions Club Schwenningen.

Normalerweise stehen sie mit durchgedrücktem Rücken Seite an Seite und nehmen ihr Ziel ins Visier. Kaum einer spricht, denn nichts soll die Konzentration stören, wenn der Bogen gespannt und der Pfeil schließlich in Richtung Scheibe losgeschickt wird. Doch an diesem Dienstagnachmittag zeigt sich ein ganz anderes Bild im Trainingszentrum der Firma Beiter in Dauchingen.

Zunächst einmal ist es alles andere als ruhig, vor allem eine Stimme ist sehr präsent, jene von Julia. Klar artikuliert sie jede einzelne Silbe – auf Deutsch. Ihr gegenüber sitzen die Frauen des ukrainischen Bogenschützenteams und hören aufmerksam zu. „Wie geht es dir?“, fragt Julia, und nach einem kurzen Überlegen hallt es ihr „Mir geht es gut“ entgegen. Mir geht es gut – es ist schön, einen solchen Satz aus dem Mund von Menschen zu hören, die unter Lebensgefahr aus ihrer Heimat fliehen und dabei fast alles zurück lassen mussten. Natürlich handelt es sich dabei um einen Übungssatz der gerade wegen seiner Einfachheit ausgesprochen wird.

Doch es ist auch zu spüren, dass die Frauen bei all dem Schmerz, der in ihnen bohren muss, ihre aktuelle Situation zu schätzen wissen. Seit rund sieben Wochen leben sie nun schon in Dauchingen (wir berichteten), und die nachvollziehbare Hoffnung, schon bald wieder in die Ukraine zurückkehren zu können, ist mittlerweile jener realistischen Einschätzung gewichen, längerfristig in Deutschland leben zu müssen, aber auch zu dürfen. Eine andere Bewertung der Lage lässt der russische Angriffskrieg nicht zu. Die Grundvoraussetzung schlechthin, um sich in einem fremden Land zurecht zu finden, ist die Sprache. Das dachte auch und gerade Andreas Lorenz, Vertriebsleiter der Firma Beiter, der es dank seiner internationalen Verbindungen im Bogensport und mit Unterstützung vieler Helfer der 20-köpfigen Gruppe aus der Ukraine ermöglichte, in Dauchingen einen neuen Lebensmittelpunkt zu finden. „Wenn diese Menschen eine möglichst weitreichende Selbstständigkeit erreichen sollen, müssen wir die Sprachbarriere abbauen“, betont der umtriebige Organisator. Und so fragte er bei seinen Mitstreitern des Lions Club Schwenningen nach, ob aus diesen Reihen eine finanzielle Unterstützung für einen Sprachkurs denkbar wäre. „Die Zusage kam sofort“, freut sich Lorenz. Das bestätigt auch Lions-Präsident und Verleger des BOGENSPORT MAGAZIN Axel Ziegler: „Es war schnell klar, dass wir hier helfen werden.“ Ziegler ließ es sich auch nicht nehmen, die ukrainische Gruppe in Dauchingen zu besuchen und die Verbundenheit zu betonen. „Es freut uns, wenn wir ihnen helfen können, wir tun das gerne.“ Und mit Blick in die Zukunft fügte er an: „Ich wünsche ihnen und ihrem Land nur das Beste.“ Ziegler und Lorenz sprachen auf Englisch zur kleinen Schar, denn noch reichen deren Deutschkenntnisse nicht aus, um derart flüssig vorgetragene und wortreiche Sätze verstehen zu können. Dafür muss noch fleißig gebüffelt werden. Genau deshalb kommt Julia zweimal pro Woche vorbei. Sie selbst musste mir ihrem Kleinkind ebenfalls aus der Ukraine fliehen, dort arbeitete sie als Deutschlehrerin am Goetheinstitut. Nun lebt sie in Schwenningen und ist ein gutes Beispiel für rasche Integration. Diesen Weg wollen auch die Ukrainer in Dauchingen gehen, und peu à peu gelingt es ihnen. „Eine Kampfrichterin hat bereits eine Arbeit gefunden“, erzählt Andreas Lorenz. Die Athletinnen und Athleten selbst allerdings konzentrieren sich auf ihren Sport und damit auf ihren Beruf. Damit ist ihr Tag gut ausgefüllt, denn bis zu acht Stunden Training stehen auf dem Programm. Dieser Fleiß hat sich jüngst bereits ausgezahlt, beim Weltcup in Antalia belegten die Männer den ausgezeichneten vierten Rang. „Nur ganz unglücklich schrammten sie an der Bronzemedaille vorbei“, sagt Lorenz. Ganz so gut lief es bei den Frauen nicht, doch es gab für das gesamte Team eine sehr erfreuliche Erfahrung: Sie wurden von ihren Kollegen aus den anderen Nationen fast rundweg positiv aufgenommen. „Sie waren sich im Vorfeld nicht sicher, wie andere Schützen reagieren würden“, weiß Andreas Lorenz. Zumindest Befürchtungen auf diesem Feld können nun zu den Akten gelegt werden, was ganz offensichtlich auch am Auftreten des ukrainischen Nationalteams lag. Lorenz: „Tom Dielen, der Generalssekretär des Weltverbandes, hat mir berichtet, wie sehr alle angetan waren vom Auftreten der Mannschaft.“

Anfang Juni steht mit der Europameisterschaft in München der Höhepunkt an, bis dahin wollen sich die ukrainischen Bogenschützen in Topform gebracht haben. Aktuell befinden sie sich bereits auf der Münchner EM- Anlage, um dort das interne Ausscheidungsschießen, es können immer nur je vier Männer und Frauen antreten, zu absolvieren. Eingeladen hat sie der Deutsche Bogenschützenverband. Auch hier hat Andreas Lorenz seine engmaschiges Verbindungsnetz genutzt. „Neben der finanziellen Unterstützung braucht es Dienstleistungen wie Erlass der Startgebühren oder die Bereitstellung von preiswerten Hotels“, betont er. Die Unterstützungskampagne nehme immer mehr Fahrt auf, mittlerweile sind nach seinen Angaben ein Drittel der 50 000 Euro eingegangen, die für den Lebensunterhalt der Gruppe bis Ende Juni vorgesehen sind. Dann, mit dem letzten Weltcup auf europäischem Terrain, endet dieser erste offizielle Abschnitt, doch weitere sollen folgen. „Sie wollen so lange wie notwendig hier bleiben. Wo sollten sie auch hin, gerade im Osten ist alles zerbombt, natürlich auch die Sportstätten“, sagt Lorenz. Bisher lebten 18 Erwachsene und zwei Kinder in Dauchingen, nun gibt es eine weitere Zusammenführung einer Familie. „Einer der Trainer hat seine Frau und die beiden Kinder nach Kriegsbeginn zunächst zu Bekannten nach Israel geschickt, doch nachdem dort der Gazastreifen ebenfalls beschossen wurde, werden sie nun hierher kommen“, so Lorenz. „Welch ein Wahnsinn auf dieser Welt!“ Bei all der gewährten Hilfe ist Andreas Lorenz eines wichtig zu betonen: „Wir helfen, aber es ist kein überprivilegiertes Dasein. Es geht um ein menschenwürdiges Leben.“ Dazu gehört auch, nicht nur zwischen Wohnung und Trainingszentrum zu pendeln. Mehr und mehr sollen die Menschen, die alles aufgeben mussten, in ihrer neuen Heimat ankommen. Auch das scheint zu gelingen, denn laut Lorenz besuchten sie am vergangenen Wochenende das traditionelle „Schopfelenfest“ in Dauchingen. Dort konnten sie dann auch ihre neuen Deutschkenntnisse anwenden. Nirgends lernt es sich besser als im direkten Aufeinandertreffen mit anderen Menschen.