Randnotiz aus Tokio (Teil 2): Es ist doch alles so einfach, oder?

Von Andreas Lorenz |
Als „Mann vor Ort“ wirft Andreas Lorenz für das BSM einen Blick hinter die Kulissen

Die Olympischen Spiele in Tokyo haben begonnen, die ersten Medaillen wurden vergeben.

Die Pandemie bestimmt das tägliche Leben. Jeder muss sich täglich beim Gesundheitsamt (die sogenannte OCHA Applikation) melden und ist dadurch im COCOA Ortungssystem jederzeit aufspürbar, wegen eventueller Kreuzkontakte. So muss jeder ein Smartphone bei sich haben, wenn er Teil der Olympischen Spiele sein will.

Man ist jederzeit unter Kontrolle, so werden positive Fälle definitiv begrenzt. Bis nächsten Donnerstag lebe ich immer noch in einer Soft-Quarantäne, habe aber das Glück, dass mein Quartier direkt am Bogenplatz ist, meinem Arbeitsplatz. Ich muss deshalb kein Taxi nehmen, wie andere Kollegen: eine Person pro Taxi! Öffentliche Transportmittel sind nicht erlaubt für Athleten und Funktionäre. Da der Arbeitstag von sieben Uhr morgens bis meist 21.00 Uhr geht, wären bis zu einer Stunde pro Weg im Taxi doch eine Tortur. Soft-Quarantäne bedeutet im Prinzip nur, dass ich nichts ausserhalb der „Bogenmauern“ sehe.

Schlimm ist die eintönige Verpflegung. Seit zehn Tagen esse ich fast nur Bento-Boxen: Das sind vorgefertigte Essensboxen mit japanischen Spezialitäten, die man – im besten Fall – aufwärmen kann. Frühstück, Mittagessen und Abendessen – nur Bento-Boxen. Seit die Spiele begonnen haben, können wir auch die Lounge der VIP-Gäste besuchen, abends. Da gibt es immer ausreichend leckeres Essen, also eine kleine Verbesserung. Den Athleten im Olympischen Dorf geht es viel besser: Sie können fast rund um die Uhr in einem der zahlreichen Restaurants essen, mit Speisen aller Art.

Gestern und vorgestern gab es dann endlich die ersten Medaillen, sogar die Bronzemedaille für die deutschen Bogenmädels, und ich war dabei – wie immer im Bogensport. Ich habe auch unsere Schützinnen durch die Presse- und TV-Zone, die sogenannte Mixed-Zone, dann zur Siegerehrung und schlussendlich zur Pressekonferenz geführt. Nach Silber im Einzel in Rio, nun Bronze mit der Mannschaft!

Für mich war interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Maskenpflicht bei Interviews von Land zu Land gehandhabt wird. Im Olympischen Corona-Regelwerk wird generell die Maske vorgeschrieben, außer beim Essen, Trinken, Schlafen und Interviews im Freien mit mindestens 1,5 Meter Abstand. Der DOSB schreibt vor, die Interviews mit Maske durchzuführen, einige andere Nationalen Olympischen Komitees lassen es den Athleten frei, die meisten informieren ihre Athleten nicht einmal. So war es gestern ein riesiges Kuddelmuddel in der Mixed Zone und die meisten Athleten wussten nicht, was sie machen sollten und behielten im Zweifelsfall die Maske auf. Schade! Denn mit dem gegebenen Abstand sollte man ein Interview ohne Maske machen können. Und die paar Minuten Ruhm sollte man ohne Maske genießen können.

Ein letzter Splitter: Tokio erwartet im Laufe des Tages einen Wirbelsturm … – bin mal gespannt, wie dieser sich auswirken wird. Bogensport ist im Freien und ein Turnier kann – in der Regel – nur unterbrochen werden, wenn es blitzt. Aber es werden bis zu 140 km/h Wind erwartet… mal sehen!

Ich bin definitiv zu einem Schluss gekommen. Diese Spiele könnten von wenigen Ländern der Welt so gut organisiert werden, wie hier in Japan: Deren Mentalität, deren Bereitschaft zu arbeiten, deren Gastfreundschaft sind phänomenal.