Randnotiz aus Tokyo (Intro): Ein Erlebnis der anderen Art

Von Stefan Kech |

Zum fünften mal wird Andreas Lorenz bei Olympia dabei sein. Doch die Spiele in Tokyo werden auch für den erfahrenen Bogensport-Experten Neuland und vielleicht sogar zur Selbsterfahrung.

Und da sage noch mal einer, in Zeiten der Globalisierung gleiche sich das weltweite Geschehen an. Blickt man auf die sportlichen Großereignisse allein nur in diesen Wochen, so kann von Gleichheit keine Rede sein. In Wimbledon zeigte Novak Djokovic bei seinem Erfolg erneut, dass er im Tennis das Maß aller Dinge ist. Und das vor ziemlich vollen Zuschauerrängen. Und bei der Fußball-Europameisterschaft weinte ein fast ausverkauftes Wembley-Stadion nach der Niederlage der Engländer gegen die Italiener. Nach Schätzungen sollen es rund 75 000 Fans gewesen sein, die sich, teils mit Gewalt, Einlass in die ehrwürdige Arena verschafften.

Lange hielten sich die Hoffnungen, dass auch die Olympischen Spiele in Tokyo mit Zuschauern über die Bühne gehen können, doch vor wenigen Tagen folgte dann der finale Beschluss: Olympia findet statt, allerdings vor leeren Rängen. Auch keinen einheimischen Fans wird der Zutritt zu den Wettkämpfen gestattet.

Eine Entscheidung, die Andreas Lorenz nachvollziehen kann, die ihn dennoch betrübt. Zum fünften Mal wird er bei Olympischen Spielen für den Weltverband der Bogenschützen dabei sein, doch es wird kaum etwas sein, wie es bisher war. Japan hat sich strenge Corona-Regeln verordnet, die während der Spiele die Bewegungsfreiheit der Athleten und Funktionäre erheblich einschränkt. „Es bleibt nur das Leben in einer engen Blase“, sagt Lorenz, der sich am heutigen Mittwoch in Richtung Tokyo aufmacht.

Nach seiner Ankunft geht es für den ehemaligen Weltklasseschützen direkt vom Flughafen ins Domizil der Bogensportler. Hier, in einer Sportschule, folgt eine dreitägige Quarantäne, in der er das Zimmer nicht verlassen darf. „Auch in der Zeit danach bis zu meiner Abreise werde ich nur die Wettkampfstätte und Wohnanlage sehen“, berichtet Andreas Lorenz. Angesichts dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, eingeschränkten Aussichten, ist der Fachmann froh, nicht zum ersten Mal bei Olympia dabei sein zu dürfen, denn vom viel gepriesenen Flair werde in diesem Jahr nicht allzu viel übrig bleiben.

Die Wettbewerbe der Bogensportler finden vom 23. bis 31. Juli statt, aber bereits am 18. Juli werden die Athleten anreisen. Bis dahin wird Andreas Lorenz mit seinen Mitstreitern das Feld bestellt haben. Bei den vergangenen Spielen betreute er die Athleten. „Ich war für den gesamten Fluss der Sportler verantwortlich“, sagt Lorenz und schiebt gleich noch das Beispiel Fußball als Erklärung hinterher. „So wie dort der Einmarsch der Spieler mit dem Schiedsrichter und dem Ball ins Stadion organisiert wird, müssen auch bei uns Schützen die Abläufe exakt koordiniert werden.“

In Tokyo hat sich sein Aufgabenfeld erweitert, wurde noch anspruchsvoller. Und so wird er als Technical official Supervisor ein gestrenges Auge über das gesamte Geschehen rund um die Wettkämpfe werfen. Vom Schuss selbst bis hin zur Siegerehrung und Dopingkontrolle. „Alle Zeitnehmer, Ergebnisdienste und Kampfrichter unterstehen mir“, skizziert der 49-Jährige die Bedeutung seines Amtes. Doch nicht nur das: Lorenz muss außerdem darauf achten, dass auch die Regeln abseits des Sports eingehalten werden. Und dazu gehören strenge Werbevorschriften. Wohl kaum ein Bereich wird bei Olympia restriktiver gehandhabt als dieser. Nicht weniger als 50 Seiten dick ist laut Andreas Lorenz die Kladde, in der alles fein säuberlich aufgelistet ist. „Kein Sportler darf seine eigenen Sponsoren präsentieren. Selbst die Größe der Logos ist vorgeschrieben.“

Jeweils 64 Frauen und Männer aus 40 Ländern werden in Tokyo die Scheiben ins Visier nehmen. Für Deutschland ist ein Damenteam und bei den Männern Einzelstarter Florian Unruh, der Mann von Lisa Unruh, Silbermedaillengewinnerin von Rio 2016, dabei. „Wir haben also drei von vier Medaillenchancen, in den beiden Einzelkonkurrenzen und im Mixed. Einzig der Teamwettbewerb wird ohne uns stattfinden“, so Lorenz. Seine Tage werden also prall gefüllt sein, doch angesichts der Quarantäne weiß Andreas Lorenz selbst noch nicht so genau, was er in seiner freien Zeit tun wird. Lange hat er gehofft, dass doch Zuschauer zugelassen werden, „zumal es in Tokyo sicherlich nicht so chaotisch zugegangen wäre wie nun gerade eben in Wembley beim Fußball.“ Weder singen, schreien noch Applaus wären in den olympischen Wettkampfstätten erlaubt gewesen.

Nun wird der Verkaufsleiter für Bogensport-Equipment auf leere Ränge im 10 000 Zuschauer fassenden Stadion blicken. „Angesichts der gesamten Konstellation kann ich mir nicht vorstellen, wie hier olympisches Feeling aufkommen soll“, stöhnt Andreas Lorenz. Der Austausch mit anderen Sportler, das Erlebnis, andere Disziplinen hautnah zu sehen, werde fehlen. Und dennoch: Er freut sich auf das Großereignis. „Ich bin zu 100 Prozent ein Befürworter der Spiele, selbst unter diesen Bedingungen“, stellt er klar, „denn ohne Olympia stirbt jede kleine Sporart.“ Die Verbände lebten von den Fernsehgeldern, und diese seien für Randsportarten fast nur bei Olympia zu generieren. Und das Wichtigste überhaupt: „Wir werden tollen Sport sehen.“ Auch die Athleten selbst sollten sich nicht betrübt in den Fernen Osten aufmachen oder sich gar entmutigen lassen. „Ich habe ihnen gesagt, sie hätten nicht nur für Tokyo trainiert, sondern dies sei ein Weg für die nächsten Spiele in Paris in drei Jahren.“

In Athen 2004 erlebte Andreas Lorenz zum ersten Mal Olympia vor Ort, damals noch als freiwilliger Helfer. Anschließend gehörte er bei den Spielen in Peking, London und Rio in offizieller Funktion dazu. Tokyo kennt er ebenfalls, viermal schon weilte er bei Weltcups oder aus geschäftlichen Gründen in der mit fast 38 Millionen Menschen größten Stadt der Welt.

Vor zwei Jahren erst reiste er zudem mit Sohn Leon in die Metropole, der sich wie einst der Vater als freiwilliger Helfer einbringen wollte. Es ging damals um die Planungen für Olympia 2020, das wegen Corona nun zu Olympia 2021 geworden ist. Die Reise wird der Vater nun allerdings allein antreten, denn wegen der Pandemie müsste der Sohn, der als „Freiwilliger“ Flug und Hotel selbst zu bezahlen hat, gleich auch noch zwei Wochen zusätzlichen (Quarantäne-)Urlaub nehmen. „Das wollte er nachvollziehbarerweise nicht, wie übrigens die meisten freiwilligen Helfer, die angesichts dieser Konstellation abgesagt haben“, erzählt der Dauchinger.

Auch wenn er sein Zimmer in der Sportschule wohl besser kennen lernen wird, als ihm eigentlich lieb ist, lässt sich Andreas Lorenz in seiner Liebe zu diesem Sport nicht bremsen, und so wird er nach seiner Rückkehr nur wenige Wochen später erneut nach Tokyo reisen. „Ich werde bei den Paralympics im August ebenfalls wieder in meiner Funktion dabei sein.“