09.10.2023

Ist die Zeit reif für Compounder bei den Olympischen Spielen?

Von Guille Garcia (Foto: Dean Alberga)
Leseprobe aus dem BOGENSPORT MAGAZIN 4/2023

Der Weltverband World Archery beantragte, das Compound-Bogenschießen in das Sportprogramm der Olympischen Spiele LA28 aufzunehmen. Der Antrag wäre nicht gestellt worden, wenn es keine guten Aussichten auf eine Aufnahme gegeben hätte. Die Entscheidung liegt allerdings allein beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Warum ist die Zeit reif für die Aufnahme des Compound-Sports in das größte Sportereignis von allen?

1. Große Trainer wechseln die Nationen

Korea hat vor kurzem seinen ersten internationalen Trainer für das Compound-Bogenschießen verpflichtet. Reo Wilde, der frühere Weltmeister im Bogenschießen, wurde Anfang des Jahres als Cheftrainer für Compound in den Kader aufgenommen. Das Land ist seit langem die führende Recurve-Nation und hat die olympischen Wettkämpfe lange Zeit dominiert. Das koreanische Compound-Programm ist relativ neu, erst etwa ein Jahrzehnt alt. Der Schritt, den 49-jährigen Wilde, der als einer der besten Compoundschützen der letzten zwei Jahrzehnte gilt, zu verpflichten und damit ausländisches Fachwissen einzubringen, ist eine klare Willensbekundung. Und Korea ist nicht das einzige große Team, das im Ausland nach Hilfe sucht. Sergio Pagni trainiert 2023 das Team in Indien. Bei zwei Weltmeisterschaften hat das Team bereits zwei Sieger hervorgebracht.

2. Hohes Niveau bei Frauen und Männern

Beim Compound-Bogenschießen geht es im Kern darum, absolute Perfektion zu erreichen. Es geht um die vollständige Kontrolle von Körper und Geist, um unter Druck Spitzenleistungen zu erbringen. Die Geschichte des Compound-Bogenschießens war früher aus Gründen, die nichts mit der Sportart selbst zu tun haben, eher von Männern als von Frauen geprägt. Aber in den letzten zehn Jahren haben sich das Niveau und die Zahl der weiblichen Eliteathleten drastisch erhöht. Angeführt wurde dieser Leistungsschub von Sara Lopez. Sie hat den Weltrekord von Reo Wilde bei den Compound-Männern von 150 Ringen mit zwölf Pfeilen im Xer-Ring beim Finale in Medellín im letzten Jahr eingestellt. Sie schaffte das, obwohl sie nicht mehr die dominierende Kraft von vor sieben Jahren ist. Die Compound-Damen-Kategorie ist derzeit wahrscheinlich die aufregendste und die am meisten umkämpfte auf der internationalen Bühne.

3. Beliebtheit

Der Compoundbogen wurde in den 1960er Jahren in den USA erfunden – als eine mechanisch effizientere Form des Bogenschießens. In den USA ist er bis heute weit verbreitet. Die internationale Anerkennung kam etwas später: 1995 wurde der Bogen bei den Weltmeisterschaften im Bogenschießen zugelassen, und in den folgenden drei Jahrzehnten etablierte sich der Bogen nach und nach in anderen Ländern. Von den fast 100 Ländern, die diesen Sommer bei den Hyundai World Archery Championships in Berlin antreten werden, schicken mehr als 70 Prozent Compound-Bogenschützen ins Rennen. Der Bogenstil ist heute international beliebt. Das gilt im Besonderen auch für die USA, wo die Olympischen Spiele 2028 stattfinden werden. Von den 3911 Bogenschützen, die sich für das weltberühmte Vegas Shoot 2023 angemeldet hatten, schießen 60 Prozent mit einem Compoundbogen. Und was ist mit dem Hauptereignis … jetzt stell dir das dramatische Finale in Las Vegas vor, aber mit dem Prestige der Olympischen Spiele im Rücken!

4. Die Kontinente

Compound-Bogenschießen ist jetzt auch bei den großen kontinentalen Multisportveranstaltungen vertreten. Bei den Europaspielen in Polen wurden zum zweiten Mal Compound-Meister in Einzel- und Mixed Team-Wettbewerben gekürt – ebenso wie bei den Panamerikanischen Spielen, die in diesem Jahr in Chile stattfinden. Bei den Asienspielen in Hangzhou gibt es zum ersten Mal ein komplettes internationales Wettkampfprogramm. 2014 wurde der Compound-Einzel- und 2018 der Compound-Mannschaftstitel vergeben. Bei der kommenden Ausgabe werden fünf Compound-Medaillen vergeben, die den fünf Medaillen in der Recurve-Disziplin entsprechen: Herren-Einzel, Damen-Einzel, Herren-Mannschaft, Damen-Mannschaft und Mixed Team. Für große Teams wie Indien, Korea und China sind diese Titel wichtige Vorboten für die Olympischen Spiele.

5. Format

Die Struktur der Wettbewerbe mit dem Recurve bei den Olympischen Spielen ist seit so langer Zeit (seit der Einführung des Kopf-an-Kopf-Wettbewerbs in Barcelona 1992) weitgehend gleichgeblieben. Die Umstellung auf die Matchplays sollte erreichen, dass der Sport innovativ ist, aber auch sicherstellen, dass die Veranstaltungen einen Mehrwert für das Programm bieten. Ist die Zeit also reif für Compound? Vielleicht – denn der vorgeschlagene 18-Meter-Hallenwettbewerb ist bei den Olympischen Spielen neu und anders – und alles passt. Die Teams nehmen den Compound-Wettbewerb ernst, mit professionellen Kadern und (manchmal ausländischen) Spitzentrainern. Die Disziplin ist weltweit beliebt, auf allen Kontinenten und in einigen der größten aufstrebenden Sportländer. Das Niveau der Weltbesten ist elitär und mit einem geringen Leistungsunterschied zwischen den besten Männern und Frauen an der Schießlinie. Und das Wichtigste in LA ist, dass der Compoundbogen zu seinen Wurzeln zurückkehren könnte, nämlich in die USA, wo dieser Bogenstil nach wie vor unglaublich beliebt ist. Ein olympischer Wettbewerb im Compound-Bogenschießen könnte die Millionen Menschen im ganzen Land ansprechen, die bereits selbst trainieren, und viele weitere dazu ermutigen, es sich einmal anzusehen.