Die Niederlage akzeptieren und für den Rest des Jahres 2021 neu starten

Dieser Blog wurde von Audrey Adiceom geschrieben und bietet Einblicke in ihr Leben als Bogenschützin in der französischen Nationalmannschaft.
(Leseprobe aus dem BOGENSPORT MAGAZIN Ausgabe 4/2021)

Wenn man ein internationaler Athlet ist und das Glück hat, an einer olympischen Sportart teilzunehmen, ist der ultimative Traum – der heilige Gral von allen – eine olympische Medaille. Vor etwas mehr als einem Jahr, im Februar 2020, begann dieser Traum Gestalt anzunehmen. Ich beendete das olympische Auswahlverfahren als Zweitplatzierte, was es mir ermöglichte, der französischen Nationalmannschaft beizutreten. Unser Team versuchte, Quotenplätze für die Olympischen Spiele in Tokio zu gewinnen.

Und dann kam COVID-19. Wie ich in meinen vorherigen Blogs erklärt habe, hatte ich das große Glück, mit meinen Teamkollegen weiter trainieren und meine Batterien aufladen zu können, bevor ich im Juli 2020 zum INSEP, dem nationalen Sportzentrum in Paris, zurückkehrte. Ein paar Monate später, im Januar 2021, fand die erste Trial-Etappe in Vittel statt. Auf dem Programm: eine Rangliste mit 72 Pfeilen auf 70 Meter, gefolgt von einer Runde, die aus 30 Sätzen mit drei Pfeilen bestand – und dann einige Ausscheidungsturniere.

In der ersten Qualifikationsphase habe ich deutlich verloren, was mich von Anfang an ziemlich weit unten in der Rangliste platzierte. Ich arbeite viel an meiner mentalen Verfassung mit einem Psychologen und einem Mentaltrainer. Leider waren alle Werkzeuge, die ich in den letzten Jahren entwickelt hatte, nicht effektiv. Sie im Training anzuwenden ist eine Sache. Sie im Wettkampf zu validieren ist eine andere.

 

„Nach all den Tagen des Zweifelns, Fragens und Bangens hatte ich es geschafft, den Kampfmodus zu aktivieren, denich so sehr liebe, und ich hatte nur eine Idee im Kopf: die maximale Zehn zu treffen.“

Die nächsten paar Tage waren die längsten meines Lebens. Ich hatte ein Gefühl der Frustration in meinem Magen und empfand mich völlig verloren. Ich begann meine Wünsche zu reflektieren, den Platz des Sports in meinem Leben, was ich suche und was ich am Bogenschießen mag, wo ich in meinem persönlichen und beruflichen Leben stehe und wo ich hinwill. Das erlaubte mir, einen Neustart zu machen und die Dinge in meinem Kopf an ihren richtigen Platz zu stellen.

Anfang März richtete der französische Bogensportverband eine zehntägige Phase für Elite-Bogenschützen ein, bei der alle Athleten, die noch am Auswahlverfahren teilnahmen, mit den Nationaltrainern zusammenkamen. Diese Phase sollte die letzten Schritte des Trial-Prozesses beinhalten.

In Bezug auf das Gesundheitsmanagement verlief alles nach den Regeln. Wir waren alle sehr vorsichtig. Am Ende dieser Phase begannen die letzten zwei Tage der Selektion. Wir sollten Ranglistenrunden, Match-Bracket-Turniere und sieben Pool-Matches schießen. Mein Niveau in der Qualifikation war etwas besser als im Vormonat, aber immer noch nur ein Durchschnitt von 645 Ringen. Dies erlaubte mir nicht, in der Rangliste aufzusteigen. Nur dank der Wettkämpfe des zweiten Tages konnte ich mich auf den fünften Platz schleichen. In der Endabrechnung ging es von Platz vier bis Platz sieben sehr eng zu.

In den letzten Matches des Nachmittags passierte etwas sehr Starkes. Zu diesem Zeitpunkt des Wettkampfs war es für mich unmöglich, Drittplatzierte zu werden und es in die Olympiamannschaft zu schaffen. Aber wenn ich unter die ersten sechs käme, wäre ich Teil des Olympiakaders und könnte an Veranstaltungen wie dem European Grand Prix und einigen Etappen des Hyundai Archery World Cups teilnehmen.

„Ich werde alles tun, was ich kann, um sicherzustellen, dass mein Beitrag einen positiven Einfluss auf die Gruppe hat.“

Ich musste also meine beste Leistung bringen, um die letzten drei Wettkämpfe des Wettbewerbs (Viertel-, Halb- und Finale) zu gewinnen. Nach all den Tagen des Zweifelns, Fragens und Bangens hatte ich es geschafft, den Kampfmodus zu aktivieren, den ich so sehr liebe, und ich hatte nur eine Idee im Kopf: die maximale Zehn zu treffen. Pfeil um Pfeil zwischen mir und dem Ziel, um die maximale Ringzahl zu erreichen. Mein Schießen war solide, und mein Geist war im Hier und Jetzt.

Mir wurde aber auch klar, dass ich mit meiner aktuellen Leistung nicht zu den drei Frauen zählen würde, die eine Olympia-Quote für Tokio erreichen. Trotzdem ist es ein tolles Gefühl, Teil des Kaders zu sein. Ich werde alles tun, was ich kann, um sicherzustellen, dass mein Beitrag einen positiven Einfluss auf die Gruppe hat.

Wenn ich es auf den Punkt bringen soll, ist es so, als würde ich seit Jahren in der ersten Klasse im Hochgeschwindigkeitszug zu den Olympischen Spielen in Tokio sitzen, aber seit März bin ich in der zweiten Klasse. Ich habe zwei Möglichkeiten. Die erste wäre, mich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass ich meinen Sitz nicht mehr herunterklappen kann, um meine Beine und meinen Rücken auszustrecken, dass ich nicht mehr Zugang zu bestimmten Privilegien habe, dass das Licht anders ist und die Fenster kleiner sind. Aber ich entscheide mich lieber für Letzteres: Ich konzentriere mich darauf, dass mein Zug durch Tokio fährt, nicht unbedingt einen Zwischenstopp einlegt, sondern seine Reise nach Paris 2024 und sogar Los Angeles 2028 fortsetzt.

Und nun, wie sieht der Plan für den Rest der Saison aus? Ich war bei den ersten beiden Grand Prix in Porec (635 Punkte in der Qualifikation und Platz 33 zum Ende des Wettkampfes) und Antalya (647 Punkte und Platz 17 am Ende). Es gab eine Menge guter Dinge, an die ich mich erinnern kann, auch wenn die Leistung nicht immer da war. Es war wirklich verrückt, wieder auf Wettkämpfen schießen zu können, und noch dazu auf einem internationalen! In Porec wurde mir klar, was für ein Glück ich hatte, dass ich mit den anderen internationalen Bogenschützen dort war – dass ich das Bogenschießen dort wieder aufnehmen konnte, wo wir aufgehört hatten – während ich in Frankreich nicht nach Hause zu meinen Eltern fahren durfte (die nicht in der gleichen Region wohnen).

Ich erlebe diese internationalen Wettkämpfe in vollen Zügen, genieße jedes Detail: das Trikot der französischen Mannschaft zu tragen, alle Ziele aufgereiht zu sehen, zwei Bögen aufzustellen, den Nervenkitzel der Pfeile zu spüren und all die intensiven Emotionen zu erleben, die uns der Bogensport bietet. Ich bleibe im Training sehr motiviert. Ich habe viele mentale, technische und physische Punkte, an denen ich Fortschritte machen möchte.

„Ich konzentriere mich darauf, dass mein Zug durch Tokio fährt, nicht unbedingt einen Zwischenstopp einlegt, sondern seine Reise nach Paris 2024 und sogar Los Angeles 2028 fortsetzt.“

Im Moment geht es mir darum, solide und effizient zu schießen. Mit meinem Trainer konnte ich bestimmte technische Punkte nachjustieren, so dass ich stabiler im Kontakt und präziser im Ziel bin. Ich mache weiterhin Krafttraining und Cardio-Einheiten mit dem Trainer des Zentrums. Das ist die Zeit des Tages, um meinen Kopf freizubekommen und meine Muskeln zu stärken.

Was meine mentale Verfassung angeht, so arbeite ich im Training während Konfrontationssituationen und mit meinem Mentaltrainer und Psychologen daran. Ich kann heute sagen, dass mein fünfter Platz bei den National Trials nicht das Ende meines olympischen Traums ist, sondern ein Schritt auf dem Weg zu Leistung und Erfüllung in meinem Sport. Jetzt geht es für mich zum Veronica’s Cup und zum Hyundai Archery World Cup in Lausanne!

Quelle: www.worldarchery.sport/tags/audreys-blog
Bilder: Audrey Adiceom