Bogen-WM: Recurve-Frauen qualifizieren sich für Tokio 2020

Das Ziel ist erreicht, die Mission erfüllt! Michelle Kroppen, Elena Richter und Lisa Unruh haben bei der WM in Herzogenbusch/NED durch ein 6:2 (50-49, 56-58, 58-55, 55-50) gegen Mexiko das Viertelfinale im Teamwettbewerb erreicht und damit das Team-Ticket für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio gelöst. „Das ist ein großartiger Tag für unsere Mannschaft, für den Deutschen Schützenbund und für alle Bogensportfans in Deutschland“, jubelte Bundestrainer Oliver Haidn.
Foto: Eckhard Frerichs / Die deutschen Schützinnen jubeln, Trainerin Natalia Butuzova steht gerührt daneben.
Foto: Eckhard Frerichs / Die deutschen Schützinnen jubeln, Trainerin Natalia Butuzova steht gerührt daneben.

Recurve Frauen: Unruhs Zehn sorgt für Jubel, Trubel, Tokio

Um 16.55 Uhr war es so weit: Als der letzte Pfeil von Lisa Unruh auf der Scheibe einschlug, gab es im deutschen Team nach kurzem Zögern kein Halten mehr: Die zentrale Zehn bedeutete Satz, Match und Sieg – Tokio 2020 ist mit dem Maximum von drei Schützinnen erreicht: „Zum einen hat man nun eine Medaillenchance mehr, zum anderen ist es natürlich viel schöner, das Erlebnis mit den eigenen Leuten zu teilen“, jubelte Elena Richter.
Die Anspannung zuvor war hoch. Zum einen galt Mexiko als härtester Gegner im Achtelfinale, zum anderen hatten die deutschen Schützinnen 2015 bei der WM in Kopenhagen in gleicher Situation gegen Indien (3:5) die Qualifikation verpasst. Damals standen Unruh und Elena Richter bereits im Team. „Ja, ich habe natürlich einige harte Erinnerungen an Kopenhagen, aber das ist mir egal, weil wir hier sind und dies eine neue Weltmeisterschaft ist“, so Unruh im Vorfeld des Turniers.

Es war nicht Erleichterung, es war wie das tollste Geburtstagsgeschenk, das man auspackt und dann denkt: Oh wie geil!

Elena Richter, Als der Sieg Gewissheit war

Und das deutsche Team legte nervös los: Die erste Passe endete mit nur 50 Ringen, doch auch den Mexikanern war der Druck anzumerken, sie schossen nur 49 Ringe (Richter danach: „Ein gutes Springpferd springt nicht höher als es muss.“). Danach steigerten sich beide Teams. Zwar gab das DSB-Team, angefeuert von einigen deutschen Fans, den Teamkollegen sowie der sportlichen DSB-Spitze mit Vizepräsident Gerhard Furnier, Sportdirektor Heiner Gabelmann und Chefbundestrainer Thomas Abel, den zweiten Satz ab, aber die deutschen Pfeile fanden nun immer öfter das Ziel ins Zentrum. Im dritten Satz wurde die Führung zurück geholt, Haidn kommentierte jeden Pfeil für die hoffenden Fans und Journalisten, ehe der Höhepunkt im vierten Satz in einen einzigen Jubelschrei kulminierte und sich Betreuer, Schützinnen und Fans in den Armen lagen. „Heute springe ich durch die Gegend wie ein Flummi. Es ist gigantisch, megakrass“, sprudelte es aus Richter heraus, die den entscheidenden Moment wortreich umschrieb: „Ich weiß noch, als ich am Spektiv war und Lisa den letzten Pfeil ins X geschossen hat. Ich wusste nicht, ob es reichte, aber es fühlte sich so an. Es war nicht Erleichterung, es war wie das tollste Geburtstagsgeschenk, das man auspackt und dann denkt: Oh, wie geil!“

Eine große Rolle spielte dabei Kroppen, die das erste Mal an einer Quotenplatz-WM teilnahm, und diese Herausforderung glänzend meisterte. Nachdem Richter (2012) und Unruh (2016) als Einzelstarterinnen an Olympischen Spielen teilnahmen, geht es nun erstmals seit 2004 wieder mit einem Frauen-Team zum wichtigsten sportlichen Wettkampf. Kroppen fasste die Gefühlslage zusammen: „Es ist noch nicht ganz angekommen, zum anderen ist es eine Mega-Erleichterung. Innerhalb einer halben Stunde ist alles vorbei, wofür man so viel trainiert hat und viele Tränen vergossen hat. Nun kommen wieder Tränen, aber es sind Freudentränen und es ist ein unfassbar schönes Gefühl.“

Zudem ist die WM noch nicht zu Ende. Alle drei deutschen Frauen sind noch im Einzelwettbewerb vertreten, im Team-Wettbewerb wartet im Viertelfinale nun Großbritannien. „Jetzt ist der Knoten geplatzt, und es kann nur noch vorwärts gehen. Alles ist möglich, alles, was jetzt noch kommt, werden wir genießen. Wir werden jetzt deutlich lockerer und entspannter schießen können.“

Compound Männer: Nur noch Trachsel im Rennen

Bei Nieselregen und Temperaturen um die 14°C eröffneten die Compound-Männer den Wettkampftag. Bei Marcel Trachsel lief es von Beginn an großartig, erst im fünften und letzten Satz der ersten Runde schoss er einen nicht perfekten Pfeil. Mit 149:146 siegte er souverän. In Runde zwei knüpfte der 23-Jährige an seine Leistung an und setzte sich gegen den Russen Dambaev 146:145 durch. Zufrieden sagte er danach: „Die erste Runde war vom Schießen top, in der zweiten Runde waren zwei blöde Passen dabei, aber es hat zum Glück gereicht. Ich werde mein Bestes geben und gucken, wie weit es geht.“
Marcus Laube schoss in Runde eins ebenfalls stark, musste sich aber wegen einer 28-er Abschluss-Passe knapp mit 147:148 seinem indischen Gegner geschlagen geben. Auch Sebastian Hamdorf musste bereits nach Runde eins seine Hoffnungen auf eine vordere Platzierung begraben. Von Beginn an lief er seinem Schweizer Gegner hinterher, und seine 27-er Passe am Ende führte zum unglücklichen 144:145. Und auch im Team-Wettbewerb ist das deutsche Trio nicht mehr dabei: Gegen die favorisierten Dänen mit Ex-Weltmeister Hansen hieß es am Ende 231:236.

Compound Frauen: Team im Viertelfinale, kein Glück im Einzel

Der leichte Regen bei den Männern war bei den Frauen in Runde eins zu einem Starkregen angeschwollen, die Bedingungen waren alles andere als optimal. Während Janine Meißner ein Freilos genoss, mussten Velia Schall und Kristine Heigenhauser raus und sich der Aufgabe stellen. Dies gelang Heigenhauser gut, sie siegte 142:138 gegen eine Dänin, Schall überhaupt nicht, weil sie technische Probleme mit ihrem Release hatte. Ihre Passen zwei und drei missrieten ihr völlig (23 und 21), damit war die Niederlage (126:142) gegen ihre Gegnerin aus Namibia früh besiegelt. Meißner und Heigenhauser trafen in Runde zwei jeweils auf Taiwanesinnen. Heigenhauser geriet von Beginn an in Rückstand und war nach einer 25-er Passe in Satz drei am Ende chancenlos. Meißner lieferte sich ein tolles Duell, lag zunächst in Führung (30:29), geriet dann jedoch in Rückstand (87:89), ehe sie vor der letzten Passe ausgleichen konnte (117:117). Diese ging mit 29:30 an ihre Gegnerin. Holger Hertkorn, Disziplinverantwortlicher für den Compoundbogen, sagte: „Janine hat das stärkste Damen-Match auf dem Feld geschossen, sie hat ihre Leistung gebracht, hatte aber leider eine sehr starke Gegnerin. Kristinas Schießen ist immer risikoreich, mal gewinnt sie, mal verliert sie. Natürlich ist man enttäuscht über das Abschneiden, aber die Leistung an sich stimmte.“ Die passte am Nachmittag zwar auch im Team-Wettbewerb, aber gegen die Estinnen reichte es nicht zum Weiterkommen. 228:230 hieß es aus deutscher Sicht.

Compound Mixed: Meißner/Trachsel im Achtelfinale

2017 gewann Marcel Trachsel im Mixed die Silbermedaille, damals an der Seite von Kristina Heigenhauser. Zwei Jahre später ist ein Medaillen-Coup erneut möglich, denn Trachsel setzte sich an der Seite von Janine Meißner sicher 156:151 gegen die Tschechei durch. Meißner war zufrieden, dass sich die erneut gute Leistung nun auch im Erfolg niederschlug: „Mein Gedanke war gleich: Einzel ist abgehakt, jetzt kommt Mixed und Team. Man sollte keine Zeit verschwenden an das Vergangene, und deswegen ist es umso schöner, dass es im Mixed weitergeht.“ Gegner im Achtelfinale ist das Duo aus Indien.

Das deutsche Team in Herzogenbusch

Recurve: Michelle Kroppen, Elena Richter, Lisa Unruh, Florian Kahllund, Cedric Rieger, Maximilian Weckmüller
Betreuer: Oliver Haidn, Natalia Butuzova, Marc Dellenbach, Susanne Hentsch, Gregor Kuhn

Compound: Kristina Heigenhauser, Janine Meißner, Velia Schall, Sebastian Hamdorf, Marcus Laube, Marcel Trachsel
Betreuer: Holger Hertkorn, Harry Vohs

Text: DSB/Thilo von Hagen

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